01.Nov.2011 Fehler als Variation

Der Künstler Erik Bünger hat in seiner Arbeit “Variations on a theme by Casey & Finch” eine “hängende” CD zum Anlass einer Komposition genommen. Die durch das Hängen entstandene Variation des Songs “That’s the way” notierte Bünger als Partitur, die schliesslich von einer neun-köpfigen Band nachgespielt wurde:

Obwohl man von einem “Hängenbleiben” der CD spricht, das Stück also nicht seinen ursprünglich vom Komponisten vorgesehenen Verlauf nehmen kann, kommt es keineswegs zu einem “Stillstehen” der Musik – das Stück schreitet fort, wenn auch in einem anderen Tempo. Nein, ich korrigiere mich: Zu sagen, das Stück würde mit einer geringeren Geschwindigkeit laufen, wäre ebenfalls falsch, auch wenn es zu einem Aufreissen des zeitlichen Rasters kommt und man effektiv deutlich mehr Zeit für das Anhören des hängenden Songs benötigt als für die flüssig laufende Variante, obwohl es sich bei den beiden Abspielversionen um dasselbe Material, ja sogar ein und dieselbe Aufnahme handelt…
Nun, die “Störung” äussert sich wohl vielmehr in einer Neuanordnung des musikalischen Materials durch Wiederholung einzelner Fragmente. Ungewollt bekommen diese Parts eine ganz neue Bedeutung, insbesondere in nachgespielter Fassung des transkribierten “Fehlers”. Einzelne Fragmente, ja teils sogar nur einzelne Töne und Klänge, die in der ursprünglichen Version des Stücks nur eine Nebenrolle gespielt zu haben scheinen, werden in der “Hänger-Fassung” plötzlich wichtig, ja zu zentralen neuen “Themen”. Die Störung wird zum musikalischen Leitmotiv.

Erik Büngers Arbeit stellt ausserdem ganze neue Fragen an die Materialität. Das, was an musikalischer Information auf der CD eingeschrieben war, entspricht nicht dem, was die Ohren von der fehlerhaft abspielenden CD wahrnehmen. Es ist, als würde ein Musiker die vor ihm liegenden Noten falsch wiedergeben. Die CD improvisiert eine Variation über ein ihr gegebenes musikalisches Thema. Das Medium CD emanzipiert sich hier zum neuen Musiker und komponiert aus einer Störung eine Variation über das ihm eingschriebene Stück.

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