29.Oct.2011 mangafigur auf entdeckungsreise

Annlee hat keine Stimme – und kann doch ihre Geschichte erzählen. Annlee ist, nach eigener Aussage, „a product freed from the market place I was supposed to fill“. Eine Manga-Figur, die von Philippe Parreno und Pierre Huyghe erworben wurde, um im Rahmen des kollaborativen Projekts „No Ghost Just a Shell“ in verschiedenen Kunstkontexten aufzutreten. Nicht Gespenst, das gruslige Laute von sich gibt, sondern Gehäuse, darauf harrend, mit imaginativem Material gefüllt zu werden.

In der Videoarbeit „One Million Kingdoms“ von Pierre Huyghe erscheint Annlee denn auch nur mehr als neonfarben leuchtender Umriss. Wenn der Betrachter ihr auf ihrem Gang durch eine sich ständig wandelnde Landschaft folgt, so ist es doch nicht ihre Stimme, die er hört, selbst wenn die Bewegungen ihres kleinen Mundes mit zunehmendem Masse auf die Tonspur abgestimmt scheinen. Mit ihrer ätherischen Erscheinung und den kindlichen Gesichtszügen ist die synthetische, doch deutlich auf einen Mann verweisende Erzählstimme nicht vereinbar.

Was diese erzählt, ist die eine Geschichte zweier Expeditionen in unbekannte Landschaften, die am Fusse eines Vulkans irgendwo in Island beginnt. In ihr sind Übertragungen von der ersten Mondlandung mit Passagen aus Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ zu einer spannungsgeladenen Dramaturgie verwoben. Von Entdeckereuphorie jedoch ist keine Spur: „Shadows of what we would discover later on… prepared us for the spectacles of desolation…“ – die hier vorgestellten Visionen einer Schwelle zu einer anderen Welt lassen die Ahnung aufkommen, dass der Spaziergang Annlees keinen günstigen Ausgang nehmen wird.

Deren potentiell endlose Vorwärtsbewegung wird durch Kamerafahrten begleitet, bis mit der ersten Grossaufnahme ihres Gesichts auch eine narrative Wendung eintritt: „I leaned over a projecting rock and looked down.“ Vor der Kluft, die zwar angesprochen, aber nicht ins Bild gebracht ist, wird die eigentümliche Verbindung von hörbarer Erzählung und sichtbarer Landschaft zum Thema: Indem die Topographie an eine Mondlandschaft gemahnt, steht sie in inhaltlichem Zusammenhang mit dem Erzählten. Die sich erhebenden und in sich zusammenschmelzenden Formationen sind aber gleichfalls visuelle Äquivalente von Schallwellen. Als multidimensionales Spektrogramm übersetzen sie, was man als Stimme wahrnimmt, in eine räumliche Anordnung.

So sind es auch jene Konfigurationen, die am Ende zusammenfallen, um sich in eine Ansammlung weisser Punkte auf schwarzem Grund aufzulösen. „For a moment I was afraid that their words would be my own brought back by an echo… I listened once more, and I clearly heard my voice… thrown… through… space.“

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