28.Oct.2011 Screening – Die Stimme aus dem Off

„Bilder bekommen Bedeutung erst durch die Sprache“ sagt Sandra Naumann, freie Kuratorin und Medienwissenschaftlerin aus Berlin, und belegt dies sogleich mit einer Auswahl an Kurzfilmen, welche sich alle dem Mittel der Off-Stimme bedienen.

So etwa Peter Kubelkas „Unsere Afrikareise“ (1966), welches als Ausgangspunkt ein herkömmliches Ferienvideo zu Grunde liegt. Kubelka nahm jedoch die Mühe auf sich, die Ton- und Bildspur voneinander zu trennen, diese zu zerstückeln und neu anzuordnen. So entwickelt sich aus dem simpel strukturierten Hobbyfilm ein skurriles, chronologisch verstreutes Werk, dessen Szenen eine vollkommen neue Bedeutung erlangen, wenn etwa die Tonspur der Löwenjagd über das Bild eines  durch die Steppe rennenden Eingeborenen gelegt wird. Dies schaut auf den ersten Blick durchaus amüsant aus, hält allerdings auch den Spiegel der Zeit vor, in welcher der Film herauskam. Denn es wäre in der Form wohl kaum mehr möglich in der heutigen Zeit eine Szene zu verantworten, in der hobbymässig Jagd auf indigene Völker gemacht wird.

Wesentlich unproblematischer geht es dann aber bei John Smiths’ „The Girl Chewing Gum“ (1976) zu und her. In dessen Film wird eine herkömmliche Strassenszene nachgestellt, obwohl nachgestellt nicht unbedingt der korrekte Ausdruck ist. Was wir sehen ist eine einzige Kameraeinstellung, welche den realen Verkehr auf einer Strasse in der Stadt festhält – an sich eine doch ziemlich uninteressante Angelegenheit. Dann jedoch macht sich die Stimme aus dem Off bemerkbar und wir stellen sofort fest, dass die Szene alles Andere als natürlich sein kann, da aus dem Off nämlich Regieanweisungen ertönen, welche quasi dem Bild vorgeben, was als nächstes auf dem Bildschirm erscheinen soll. Die Szene ist insgesamt 10 Minuten lang und wenn man in der Mitte angekommen ist, fragt man sich je länger je mehr, wie es möglich ist, eine so lange Szene so perfekt zu inszenieren. Der Clou daran ist nämlich, dass die Stimme aus dem Off nur vorgibt der Regisseur zu sein und die Strassenszene am Ende doch nicht gestellt ist, sondern doch wie eingangs vermutet der Realität entnommen wurde. In der Tat wurde jede einzelne Aktion der Strassenszene bis ins kleinste Detail analysiert, so dass die Off-Stimme jeweils zeitlich kurz vor dem ins Bild treten der Fussgänger und Autos ankündigen kann, was demnächst passieren wird. Der Zuschauer wird also gleich doppelt auf die Schippe genommen, was einmal mehr verdeutlicht, wie leicht der Mensch doch manipulierbar ist.

Ein letzter Film der hier genannt werden soll ist „Telling Lies“(2000) von Simon Ellis. In seinem kurzen Werk lauschen wir den Telefongesprächen von Phil. Die Gespräche werden in Textform auf der Leinwand wiedergegeben.  Phil hat Frauen sehr gerne, telefoniert er doch in kürzester Zeit  gleich mit mehreren Exemplaren des weiblichen Geschlechts, welche sogleich auch seine Bettgespielinnen sind (mit Ausnahme seiner Mutter). Der Kniff an Ellis Film ist, dass der Text auf der Leinwand nicht das wiedergibt, was die Telefonteilnehmer sagen, sondern was sie denken. Ellis hält somit den Zeigefinger auf all die Gutmenschen, die der Meinung sind, der Mensch ginge ohne Lug und Trug durchs leben.

Alles in allem bot das Screening einen interessanten, grösstenteils höchst amüsanten Blick auf die Möglichkeiten, welche die Off-Stimme bietet. Gleichzeitig ist es jedoch auch ein Denkanstoss, wie sehr wir doch manipulierbar sind.

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